Das einträgliche Geschäft mit der Angst

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch, 29. Januar 2010. Link stocks.

Im Hinblick auf die Abstimmung vom 7. März verbreiten Bundesrat, Politiker und der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse unter dem Volk Existenzängste. Sie machen sich stark für eine rasche Senkung der Pensionskassenleistungen. Die Kampagne wird angeführt und mitfinanziert von Exponenten der Versicherungswirtschaft, die um ihre einträglichen Pfründen in der 2. Säule bangen.

Die Versicherungsfachleute und ihre politischen Exponenten nutzen für die Kampagne in Sachen Umwandlungssatz ungehemmt ihre Meisterschaft im Geschäft mit der Angst. Mit einem grundsätzlich falsch konzipierten Gauss’schen Formelapparat werden mit auf die gewünschte Aussage abgestimmten Datenreihen im finanzwirtschaftlich verbreiteten Gigo-Verfahren (Garbage in, garbage out) Prognosen erstellt und in Form von Brosamen eines Kuchens in die Augen des gebeutelten Souveräns gestreut. Die kürzliche Schieflage der Finanzmärkte, welche von Versicherungen stark mit verursacht wurde, prägt ihr schwarzseherisches Bild von der 2. Säule. Daraus leiten sie fehlende Erträge ab, die zur Finanzierung von immer länger laufenden Renten dringend notwendig wären.

Mit den absonderlichen Prognosen und dem Kuchen für die Altersguthaben wird das Volk für dumm verkauft. Kleinere Kuchenstücke für ein längeres Leben erwecken den Anschein, dass mit der Langlebigkeit ein neues Risiko entstanden sei. Die Absicherung von lebenslangen Renten gehört hingegen zum ursprünglichen, bis anhin klaglos gelösten Geschäft der Pensionskassen. Der wahre Grund für ihre schwindende Leistungskraft sind Mitesser in Form von Fonds-Managern, Anlageberatern und Versicherungsgesellschaften. Sie erwirtschaften mit ihren Geschäftsmodellen Gewinne auf Kosten der Versicherten zu Lasten der erwarteten Erträge.

Seit es Pensionskassen gibt, nimmt die Lebenserwartung pro Dekade um rund fünf Prozent zu. Entsprechend wurden die Deckungskapitalien von angehenden und laufenden Renten immer vorsorglich finanziell verstärkt. Dazu waren und sind bei den gebräuchlichen technischen Zinssätzen Erträge von höchstens 0,2 Prozent notwendig. Gelingt es den Pensionskassen, diesen Zusatzertrag zum technischen Zins zu erwirtschaften, dann können ihre Mitglieder die Renten bis zu ihrem Lebensende ungeschmälert geniessen. Und die erwerbstätigen Kassenmitglieder haben Gewissheit, dass ihre Beiträge nicht zur Finanzierung von laufenden Renten, sondern einzig für ihren eigenen Kapitalaufbau eingesetzt werden.

Die von den Befürwortern geschürte Angst, dass bei einem Nein am 7. März die erwerbstätigen Versicherten mit höheren Lohnabzügen für Rentenlöcher aufkommen müssen, ist nur begründet, wenn die langfristigen Erträge obgenannten Anforderungen nicht genügen. Dass sie minimalste Renditeansprüche nicht abdecken können, haben die Versicherer bereits 1982, vor der Einführung des BVG, mit Nachdruck erklärt. Ihr Geschäftsmodell will mit den Geldern der Versicherten gegen vorgegebene Sicherheiten satte Gewinne erzielen und lässt den Auftraggebern viel zu wenig Ertrag übrig, zumal ihre Anlagestrategien gezwungenermassen ertragsarm und für das Altersvorsorgegeschäft ungeeignet sind.

Die vom Economiesuisse-Präsident und Versicherungsfreund Gerold Bührer angeführte, Angst einflössende Finanzierungslücke von jährlich 600 Millionen Franken beträgt ein Promille des Vorsorgevermögens und kann sich über Nacht verflüchtigen, wenn sich die Finanzmärkte im ständigen Auf und Ab nach oben bewegen. Wertschwankungen an den Finanzmärkten sind Teil des Geschäfts von Pensionskassen. Deswegen gibt es keinen Grund zur Annahme, dass sie die notwendigen Erträge von rund fünf Prozent künftig nicht mehr erarbeiten können. Die realistischen langfristigen Ertragsmöglichkeiten liegen, betrachtet man den Durchschnitt der vergangenen 100 Jahre, nominell zwischen sechs Prozent bei konservativer und acht Prozent bei einer aggressiveren Anlagestrategie.

Jede Pensionskasse muss für ihre eigene Sicherheit besorgt sein und die Leistungen auf den eigenen Erfolg und die Eigenheiten des eigenen Bestandes ausrichten. Darum existieren in der Tat so viele verschiedene Umwandlungssätze wie Vorsorgeeinrichtungen. Im Wissen, dass Pensionskassen solidarisch agierende Selbsthilfeorganisationen sind, in denen alle Arbeitnehmer ihre künftige Rente selbst finanzieren, kann somit niemand bei klarem Verstand Nein zu einem fairen Umwandlungssatz sagen. Der Slogan «Ja zu einem fairen Umwandlungssatz» gilt darum für alle Pensionskassenmitglieder. Er ist perfid auf Stimmenfang ausgerichtet und lenkt vom eigentlichen Problem und den wahren Absichten der Versicherungslobby ab: Sie will mit zu tiefen Umwandlungssätzen für die Versicherten die eigenen Gewinne sichern.

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück

 

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