Hellseherische Fähigkeiten gesucht

Impressum: Autor ist Gregor Gubser - Erschienen in der "Schweizer Personalvorsorge" - Ausgabe Mai 2011. Download Artikel (Mit freundlicher Genehmigung des VPS Verlages).

Vieles fiele uns leichter, wenn wir in die Zukunft sehen könnten. Das BSV hätte sich mehr Zeit gelassen, die Verordnungen zur Strukturreform auszuarbeiten. Wir wüssten, welche Auswirkungen die Strukturreform haben wird. Ursula Gut hätte gewusst, wem sie vertrauen kann. Und wir wüssten mit Sicherheit, wie das Wetter wird und sich die Börse entwickelt.

Ein ganzes Dossier zum Thema Altersvorsorge hat die NZZ am 17. April veröffentlicht. Erwartungsgemäss findet in diesem Themenbereich auch die 2. Säule ihren Platz. Im Interview mit Yves Rossier, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV), zum Beispiel. Unter anderem beantwortet er darin Fragen zur Strukturreform und insbesondere zu den ungewohnt vielen (über 500) Vernehmlassungsantworten. Er kritisiert dabei, dass 250 gleichlautende Antworten beim BSV eingegangen sind, und sagt: «Man hat PR-Agenturen eingeschaltet.» Rossier verteidigt aber auch die Strukturreform als Ganzes und insbesondere die Governancebestimmungen, wodurch beispielsweise Geschäftsmodelle verboten werden sollen, in denen ein Vermögensverwaltungsvertrag sowohl auf der Seite der Vorsorgeeinrichtung als auch auf Vermögensverwalterseite von ein und derselben Person unterschrieben wird.

Durch beide Aussagen sah sich Herbert Brändli, Verwaltungsratspräsident der B+B Vorsorge AG und Stiftungsratspräsident der Sammelstiftung Profond, herausgefordert und reagierte mit einem Leserbrief, der in der NZZ vom 21. April veröffentlicht wurde. Rossiers Kritik bezüglich der gleichlautenden Vernehmlassungsantworten begegnet er wie folgt: «Ich erachte es als bedenklich und mehr als billig, wenn Herr Rossier, wenn auch indirekt, diese Wortmeldungen mit dem Hinweis auf eine einzige (falsche) Quelle als PR-Gag verharmlost.»

Pensionskassensterben forciert

Die Strukturreform könnte die Struktur der Pensionskassenwelt in der Schweiz deutlicher verändern als vom Gesetzgeber gewünscht. Der Grund dafür sind laut Hans-Ulrich Stauffer die durch die Strukturreform und ihre zusätzlichen Regulierungen steigenden Kosten. Davon wären insbesondere die kleineren Kassen betroffen, die sich diese Kosten nicht leisten können oder wollen. Stauffer wird in der «NZZ am Sonntag» vom 24. April folgendermassen zitiert: «Die unnötig steigende Komplexität in der 2. Säule beschleunigt den Trend, dass unabhängige Pensionskassen aufgeben und sich unter das Dach von Lebensversicherungen begeben.»

Die Autorin des besagten Artikels, Charlotte Jacquemart, beurteilt diese zu befürchtende Entwicklung als kontraproduktiv. Das deutliche Nein des Stimmvolks zur Senkung des Mindestumwandlungssatzes ist ihrer Ansicht nach vorwiegend dem Misstrauen gegenüber den Lebensversicherungen zuzuschreiben. «Der Bundesrat interpretierte das Volks-Nein aber als grundsätzliches Misstrauen gegenüber der 2. Säule», schreibt sie weiter. Das Vertrauen der Bevölkerung dürfte in absehbarer Zeit gerade wegen der Strukturreform nicht zunehmen.

Finanzdirektorin hat sich verschätzt

Knapp ein Jahr nach Bekanntwerden der BVK-Affäre rund um den früheren Anlagechef Daniel Gloor berichtet der «Tages-Anzeiger» am 14. April erneut über die Verflechtungen und stützt sich auf neue Informationen. Diese Informationen stammen aus einem Urteil des Bundesgerichts, das die Ablehnung der Haftentlassung von Thomas Leupin – ein in die Affäre involvierter Berater – begründet. Die Zeitung schreibt, es handle sich aus verschiedenen Gründen um einen «der peinlichsten Fälle». Peinlich ist unter anderem, dass Finanzdirektorin Ursula Gut gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter ein Investment in Hedge Funds über Leupins Firma DL Investment durchsetzte. Die Investition von 70 Millionen musste auf null abgeschrieben werden und war damit ein deutlicher Fehlgriff.

Unvorhersehbares vorhersagen

Meteorologen und Investoren stehen vor einem ähnlichen Problem: Sie versuchen Vorhersagen zu machen über Phänomene, die von unzähligen Faktoren beeinflusst werden. Diese Parallele müssen zumindest die Verantwortlichen der Liechtensteiner Bank Frick gesehen haben, als sie das Programm für die Tagung aufstellten, über die die «Basler Zeitung» am 26. April berichtete. Als einen Redner hatten sie nämlich den Meteorologen Thomas Bucheli eingeladen, der allerdings nicht über das Wetter von morgen und übermorgen referierte, sondern über das Klima respektive dessen Veränderung. Doch er blieb nicht bei den Wetterphänomenen, sondern gab auch noch einen Anlagetipp zum Besten: «Das Potenzial von Wind und Sonne sollte je früher, desto besser genutzt werden.»

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wetter- und Börsenvorhersage kristallisierte sich heraus. Erwin Heri, Professor für Finanzmarkttheorie an der Uni Basel, sprach den Meteorologen eine höhere Trefferquote zu: «Während Meteorologen für das Wetter in der Eintagesprognose eine Trefferquote von 85 bis 87 Prozent erzielen, könnten Börsengurus genauso gut würfeln. Denn anders als beim Wetter gibt es auf den Finanzmärkten einen Rückkoppelungseffekt: Prognosen verändern das Verhalten der Investoren, das System bekommt neue Informationen und reagiert anders.»

 

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